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Abtauchen kommt nicht infrage

Langläuferin Nicole Fessel muss wegen einer Fußsohlen-Entzündung weiter pausieren. Gedanken an einen Rücktritt verdrängt die 35-Jährige beim Strampeln im Hallenbad.

Nicole Fessel

Für Nicole Fessel sind es Tage voller Frust und Verzweiflung. Während ihre Nationalmannschaftskolleginnen zuletzt in Norwegen um Weltcup-Punkte kämpften, saß die 35-jährige Langläuferin des Skiclubs Oberstdorf zuhause und verfolgte die ersten Rennen der Saison nicht mal am Fernseher („das schmerzt ja noch mehr“), sondern nur im Liveticker. Die nicht gerade für ihre Geduld, sondern eher für ihren Ehrgeiz bekannte Fessel hat die Lehren aus der vergangenen Saison gezogen, in der sie oft körperlich geschwächt war – und doch versuchte, mit aller Gewalt zu starten – auch, um bei den Olympischen Spielen in Südkorea fit zu sein und ihren bis dato größten Erfolg, die Staffel-Bronze-Medaille von Sotschi 2014, zu wiederholen. Doch der Plan misslang: Die Oberstdorferin erlebte in Pyeongchang die vielleicht bittersten Momente ihrer Karriere. Zwei kurzfristige Absagen bei den Einzelstarts, krankheitsbedingter Verzicht auf die Staffel und ein enttäuschender zehnter Platz mit Sandra Ringwald im Teamsprint. Seitdem hat Fessel keinen offiziellen Wettkampf mehr bestritten. Der lange Leidensweg hat ein Umdenken bewirkt: „Ich werde nicht noch einmal den Fehler machen und nicht auf meinen Körper hören“, sagt Fessel und ergänzt: „Deshalb will ich mich diesmal komplett auskurieren.“

Seit August leidet Fessel, die inzwischen mit ihrem Freund Florian Glimsdal Eberspacher in Betzigau bei Kempten wohnt, an einer schmerzhaften Fußsohlen-Entzündung zwischen Ferse und Ballen. Auslöser war, so vermutet Fessel, eine Überbelastung im Training – noch dazu mit einem falschen Joggingschuh. An Konditionseinheiten war fortan nicht mehr zu denken. Sie konnte weder in einen Turn-noch in einen Langlaufschuh schlüpfen. Zusammen mit ihren Trainern wurde ein alternatives Fitnessprogramm ausgearbeitet. Radfahren und Krafttraining für den Oberkörper – das funktionierte. Die meisten Trainingsstunden verbrachte Fessel zuletzt im Hallenbad. „Ich war viel schwimmen und habe Aqua-Jogging gemacht. Das ist zwar etwas komplett anderes, aber bezüglich Atmung und Koordination konnte ich immerhin neue Reize setzen“, sucht und findet Fessel das Positive am Reha-Programm. Hilfe verspricht sich die 35-Jährige auch vom Münchener Physiotherapeuten Fredi Binder, der sich viele Jahre erfolgreich um die lädierten Fußballer des FC Bayern gekümmert hatte. Wann Fessel vollständig genesen sein wird
und in die Loipe zurückkehren kann, steht in den Sternen.

Zwar zeigt sich das langjährige Aushängeschild des deutschen Frauen-Langlaufs optimistisch und kämpferisch, wenn sie sich im Sonthofer Wonnemar beim Aquajogging fotografieren lässt, sie gesteht aber auch, dass sie sich in letzter Zeit vermehrt Gedanken über einen Rücktritt gemacht habe. „Natürlich geht einem das mit 35 immer wieder mal durch den Kopf. Gerade, wenn es überhaupt nicht läuft“, sagt Fessel. Jetzt alles hinzuwerfen, käme für sie aber nicht infrage. „So will ich nicht aufhören“, sagt sie – und hat vermutlich noch die qualvollen Tage von Pyeongchang im Hinterkopf. Fessel, die sich seit Kindesbeinen an dem Langlauf verschrieben hat, 2003 ihren ersten von insgesamt 242 Weltcups und 2005 in ihrer Heimat Oberstdorf ihre erste Nordische Ski-WM absolvierte, hat andere, viel versöhnlichere Vorstellungen von ihrem Karriere-Ende.

WM in Seefeld in weite Ferne gerückt

Da die Ski-WM in Seefeld im kommenden Februar für Fessel in weite Ferne gerückt ist, richtet sich ihr Blick sogar zwei Jahre weiter nach vorn. 2021 findet die WM wieder in Oberstdorf statt. „Das wäre für mich ein großartiger Abschluss“, sagt sie, beweist aber Realitätssinn und weiß, dass es bis dahin auch ein beschwerlicher Weg werden könnte: „Ich bin schon lange im Leistungssport. Das merke ich – sowohl körperlich als auch mental.“

Text: Allgäuer Anzeigeblatt, 14.12.2018