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Norweger sind nicht unschlagbar

Ex-Langläuferin Katrin Zeller aus Oberstdorf über die Rennen am Wochenende in ihrer Heimat und ihr Leben nach dem Rücktritt vom Leistungssport

Der Abschied von der langjährigen sportlichen Karriere war richtig herzzerreißend. Die Teamkolleginnen von Katrin Zeller trugen rosarote Leibchen mit der Aufschrift „Goodbye Killer-Kat“, bastelten ein Riesentransparent mit der Botschaft „Liegestuhl statt Loipe“ und überreichten der angehenden Langlauf-Rentnerin ein T-Shirt mit der unmissverständlichen Botschaft: „Ich schmeiß alles hin und werde Prinzessin“. Das war im März vergangenen Jahres beim Saisonfinale im schwedischen Falun. Wir unterhielten uns mit der 35-jährigen Oberstdorferin vor der Tour de Ski, die sie insgesamt acht Mal bestritt. Ihren sechsten Platz 2012 reiht die Bundespolizistin gleich hinter der 2010 bei Olympia in Whistler mit der Staffel gewonnen Silbermedaille ein.

Frau Zeller, mal ganz ehrlich: Diesmal haben Sie’s an Silvester richtig krachen lassen, oder…
Katrin Zeller: (lacht) Nein, wieso?
Na, weil Sie endlich nicht früh ins Bett mussten, weil irgendeine Tour-de-Ski-Etappe ansteht.
Zeller: Ja, das schon. Ich hab es schon genossen, dass ich mal nicht vor Mitternacht ins Bett musste. Und zum Fondue gab’s auch mal ein Glas Rotwein ohne schlechtes Gewissen. Aber übertrieben hab ich es nicht. Noch ein Gläschen um Mitternacht, das war’s…
Wie fühlen Sie sich, neun Monate nach Ihrem Rücktritt?
Zeller: Gut. Ja, mir geht’s richtig gut. Ich habe in meiner aktiven Karriere so viele schöne Momente erlebt. Die wirken natürlich nach. Und trotzdem bin ich in einem Alter, wo ein neuer Lebensabschnitt beginnen muss.
Das heißt, Sie spüren jetzt weder ein Kribbeln noch Wehmut, wenn am Wochenende die Tour de Ski in Oberstdorf stattfindet?
Zeller: Mei, es wäre ja gelogen, wenn ich jetzt behaupten würde, mich würde das ganz kalt lassen. Aber ich sage mir auch, das hast du ja auch alles schon erleben dürfen. Die Tour de Ski insgesamt acht Mal, auch so ein Wettkampf vor der eigenen Haustüre. Das ist schon sehr spannend – und trotzdem bin ich jetzt auf keinen Fall wehmütig.
Sie halten ja zu ihren ehemaligen Kolleginnen immer noch engen Kontakt ...
Zeller: Ja, mein Arbeitgeber, die Bundespolizei, hat mir die Zeit gegeben, dass ich meinen Körper nach so vielen Jahren auch gezielt abtrainiere. Deshalb habe ich relativ oft mit der Trainingsgruppe in Oberstdorf mittrainiert – auch ein paar richtig intensive Einheiten. Ich muss mich ja schön langsam auf Hobbysportler-Niveau bringen…
Bleiben wir erst mal noch beim Spitzensport: Wird die Tour de Ski denn nicht langweilig – bei der überwältigenden Dominanz der Norweger?
Zeller: Das glaub ich gar nicht. Natürlich sind sie momentan absolut überlegen. Aber gerade die Tour de Ski hat immer wieder gezeigt, dass da plötzlich Läufer und Läuferinnen vorne sind, die man bis dahin in der Saison kaum wahrgenommen hat. Bei mir war’s ja ähnlich. Ich bin 2012 auch ohne eine Top-Ten-Platzierung zur Tour de Ski gekommen und habe mich dann von Rennen zu Rennen gesteigert. Ich glaube nicht, dass die Norweger unschlagbar sind.
Sie haben ihre Teamkollegin Nicole Fessel vor wenigen Wochen in Davos live miterlebt, wie sie den scheinbar übermächtigen Norwegerinnen auf den Zahn gefühlt hat und am Ende fast sensationell Zweite wurde.
Zeller: Ja, ich wollte meine Ex-Kolleginnen in Davos live mitanfeuern, und ich war echt erstaunt, wie die Nicole da losgezogen ist. Wenn alles stimmt, die Form, der Ski, die Stimmung, dann sind schon auch die Norwegerinnen zu schlagen. Was ich gehört habe, sollen die Temperaturen am Wochenende ja so um die Null-Grad-Grenze liegen. Das dürfte sehr spannend werden, wer da den besten Ski mit dem besten Wachs findet.
Noch mal zur Besonderheit der Tour de Ski. Manche nennen Sie ja auch die Tour der Leiden. Wie haben Sie das all die Jahre empfunden?
Zeller: Eine Qual war es für mich ehrlich gesagt nie. Im Gegenteil: Ich hab eigentlich immer Spaß daran gehabt. Sich so langsam zu steigern. Nie aufzugeben, diesen Anstieg zur Alpe Cermis in Val di Fiemme immer als Ziel vor Augen zu haben. Das hat mich immer unglaublich gepuscht. An ein richtiges Tief kann ich mich nicht erinnern. Ich habe mich eher immer damit getröstet, dass es ja allen gleich geht. Dieses von Tag-zu-Tag-Denken, die Reisestrapazen, die Schlaferei im Auto… Vielleicht hat mir diese Einstellung geholfen, dass ich die Tour de Ski immer unter den Top 12 abgeschlossen habe.
_Und diesmal: Wie werden Sie die Tour de Ski-Startetappen verfolgen? _
Zeller: Ganz entspannt als Zuschauerin. Ich habe zwar ein, zwei Sponsorentermine, aber was ich da genau machen muss, weiß ich noch gar nicht. Ich will auf jeden Fall die DSV-Athleten lautstark anfeuern. Wir waren viele Jahre ein richtig gutes Team, deshalb bin ich ihnen diese Unterstützung auch irgendwie schuldig.
Und wie sieht Ihre Zukunft aus?
Zeller: Ich kann noch nicht genau sagen, wohin die Reise geht. Aber ich würde gerne bei der Bundespolizei bleiben. Da gibt es bald ein Gespräch. Ich würde mich natürlich freuen, wenn es mit der Dienststelle in Kempten klappen würde. Denn nach den vielen Jahren, in denen ich aus dem Koffer gelebt habe, genieße ich es jetzt schon sehr, fest im Allgäu zu sein.

Interview: Thomas Weiß, Allgäuer Anzeigeblatt, 03. Januar 2015

Katrin Zeller beendet eine erfolgreiche Karriere
Katrin Zeller beendet eine erfolgreiche Karriere