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Goldene Momente

Nach seinem Einzelsieg wird Johannes Rydzek von tausenden Besuchern auf dem Marktplatz in Falun gefeiert. Eltern und Freundin erleben ein Wechselbad der Gefühle

Beinahe wären seine treusten Fans im „goldigsten Moment“ seiner Karriere außen vor geblieben. Riesen-Wirbel um Kombi-Riesen Johannes Rydzek! Wenige Minuten vor der Siegerehrung am Samstagabend auf dem Marktplatz in Falun verwehren penible Ordnungshüter ausgerechnet seinen Eltern Michael (55) und Marlene (55) sowie Partnerin Clarissa Bayer (23) den Zutritt zur Bühne. Weil sie nicht die nötige Akkreditierung besitzen, werden sie abgewiesen – und zurück ins Pulk zu tausenden von Wintersportfans geschickt. Und das, obwohl sich ihr „Goldstück“ Johannes tags zuvor beim Wettbewerb von der Normalschanze völlig überraschend zum ersten deutschen Weltmeister bei der Nordischen Ski-WM in Schweden aufgeschwungen hat!
„Es kann doch nicht sein, dass wir nicht zu ihm dürfen“, sagen die Eltern, die jahrelang ihren Sohn unterstützten, wo sie nur konnten. Jetzt, bei der großen Feierstunde, wollen sie doch einfach nur ganz in seiner Nähe sein. Zum Glück ist der langjährige DSV-Pressesprecher Stefan Schwarzbach aus Betzigau zur Stelle. Der 45-Jährige lässt in der Diskussion mit den Ordnern nicht nur all seinen Charme spielen, sondern bietet sich gleich selbst als Pfand an! Das überzeugt dann selbst die strengen Schweden. Die engsten Angehörigen dürfen über die Absperrung klettern – und sind hautnah dabei, als Johannes Rydzek als erster Allgäuer in der Geschichte des nordischen Wintersports nach einem Einzelwettkampf aufs Siegerpodest gerufen wird. Bevor sein Name erklingt, schließt der 23-Jährige vom SC Oberstdorf die Augen und atmet tief durch. Dann springt er auf den ihm gebührenden Platz zwischen dem zweitplatzierten Italiener Alessandro Pittin (25) und dem Dritten Jason Lamy Chappuis (28) aus Frankreich. Beide gratulieren ihm herzlich, ehe DOSB-Präsident Alfons Hörmann seinem Allgäuer „Landsmann“ die Goldmedaille um den Hals hängt. „Das zu erleben ist einfach nur wunderbar“, sagen die Eltern Michael und Marlene, die zum zweiten mal innerhalb von 24 Stunden Gänsehaut bekommen, als ihr Sohn die Medaille präsentiert. „Da ist das Ding!“, jubeln alle. Auch seine Freundin Clarissa kann das Glück kaum fassen. Sie kennt ihren „Ritschi“ schon lange. Zusammen sind sie in Oberstdorf ans Gymnasium gegangen. Anfangs waren sie Freunde, später hat es „Zoom“ gemacht. Jetzt erleben sie, wenige Meter voneinander getrennt, eine denkwürdige Feierstunde. „Ich würde ja gern zu ihm. Aber während der WM ist er wie unter Verschluss“, sagt Clarissa lächelnd. Nach dem Sieg am Freitag wurde zwar kurz mit einem Gläschen Schampus angestoßen. Doch schon um 24 Uhr war Schluss für Rydzek. Auch nach der offiziellen Siegerehrung am Samstag muss er sofort weiter in Richtung Team-Hotel. Es sollte sich lohnen: Gestern holte er Gold mit der Mannschaft!

Text: Tobias Schuhwerk, Allgäuer Anzeigeblatt, 23.02.2015

Johannes Rydzek
Johannes Rydzek