Stadion Auftaktspringen Vierschanzentournee

Geballte Faust hier, tiefer Frust da

Während Oldie Michael Neumayer jubelte, musste Talent Karle Geiger bei seinem ersten Tournee-Springen eine bittere Pille schlucken: Als 51. scheiterte er knapp an der Qualifikation

Eigentlich ist es ihm lieber, wenn man Karle zu ihm sagt. Das klingt für einen smarten Typen wie ihn, noch dazu mit 19 Jahren, nicht so hart wie Karl. Karl Geiger. Doch am Samstag nach seinem ersten Weltcup-Einsatz auf seiner Hausschanze am Schattenberg war der 19-jährige Oberstdorfer alles andere als smart. Er war stinkig, sauer, enttäuscht. „Ich bin total angefressen“, war der erste von zwei Sätzen. Auf Nachfrage, ob er denn schon etwas zu seinem missglückten Sprung in der Qualifikation sagen könne, schaute er den Reporter nur kurz an und sagte: „Tschuldigung. Nein, ich will und kann jetzt nichts sagen.“

Damit war alles gesagt. Dass Karl Geiger, der bei seinen bisherigen Weltcup-Einsätzen so erfrischend gesprungen ist und neben Andreas Wellinger schon zu den neuen deutschen Hoffnungsträgern auserkoren wurde, mit ganz anderen, vermutlich viel zu hohen Erwartungen in diesen Heim-Wettkampf gestartet ist. Dass er mehr wollte als diesen undankbaren 51. Platz. Dass er sich ausgerechnet auf seiner Hausschanze hat aus der Balance bringen lassen. Nach zwei Trainingssprüngen auf jeweils 125 Meter war Geiger in der Qualifikation bei 117,5 Metern gelandet und durfte die Taschen packen. Ein halber Punkt fehlte ihm zu Rang 50, der die Teilnahme am Sonntag gesichert hätte.

Seine Eltern, Monika und Roman Geiger, beide 51, trugen es im Stadionauslauf mit Fassung. „Schade“, zuckte Karles Mutter mit den Schultern, „s’goat witr“ (Es geht weiter), sagte sein Vater. Sie wüssten sehr wohl, dass ihr Sohn besser springen könne, aber er habe mit Startnummer 43 einfach kein Glück gehabt. „Die Verhältnisse waren da grad richtig schlecht“, meinte auch Karles Schwester Verena, 22. Seine zweite Schwester, die achtjährige Lucia, musste sich erst gar nicht grämen: Sie war auf einem Kinder-Geburtstag und war sich sicher, sie könne ihren Lieblingsbruder auch noch am Sonntag anfeuern.

Doch gestern verfolgte Karl Geiger das erste Wertungsspringen der Tournee wenige hundert Meter von der Schanze entfernt im elterlichen Wohnzimmer – weniger aus Frust als vielmehr als Vorsichtsmaßnahme: „Ich will in Garmisch wieder voll angreifen – und stell’ mich jetzt keine drei Stunden in die Kälte“, sagte Geiger. Den Schock vom Vortag hatte er verdaut: „Es war einfach ein schlechter Sprung. Und die Verhältnisse drumrum konnten da auch nicht helfen.“ Ob Rang 51 besonders tragisch sei? „Nein, es ist doch egal, ob du 51ster oder 70ster bist.“ Jetzt gelte es, den Rückschlag wegzustecken und nach vorn zu blicken.

Text: Allgäuer Anzeigeblatt

Karle Geiger
Karle Geiger