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Freudentänze nach taktischer Meisterleistung

Nach 28 Jahren Pause wird wieder eine deutsche Mannschaft Weltmeister. Schlussläufer ist heute wie damals ein Allgäuer

Als der Fluch gebrochen war, brachen die Dämme: Mit Triumphschreien und Freudentänzen feierten die deutschen Kombinierer ihren historischen Sieg bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Falun. Erstmals nach 28 Jahren und drei Tagen gewann das DSV-Quartett die WM-Goldmedaille. „Einfach der Hammer! Mit diesen drei wunderbaren Jungs, diesen Erfolg zu feiern. Im Sonnenuntergang zum Sieg. Besser geht’s nicht“, jubelte der Allgäuer Kombi-Riese Johannes Rydzek, der sich nach einem Einzelsieg am Freitag im Wettbewerb von der Normalschanze die zweite Goldmedaille sicherte. Der 23-Jährige vom SC Oberstdorf unterstrich als Schlussläufer seine überragende Form. Über 20 Sekunden Vorsprung brachte er auf die zweitplatzierten Norweger ins Ziel. Dritter wurde das Team aus Frankreich. Kurz vor dem Ziel griff sich Rydzek eine deutsche Flagge und stürmte seinen wartenden Kollegen Tino Edelmann, Fabian Rießle und Eric Frenzel entgegen, die bereits mit offenen Armen auf ihn warteten. Mit seinen hochgestreckten Langlauf-Skiern und Stöcken erinnerte das tanzende Quartett an Stammeskrieger, die gerade einen Dinosaurier erlegt haben. Und so ähnlich war es ja auch. Die bislang letzte Gold-Medaille hatten Hermann Weinbuch, Hans-Peter Pohl und der Allgäuer Thomas Müller 1987 in Oberstdorf geholt. Dass es diesmal funktionieren würde, hatte Müller vorab im Gespräch mit unserer Zeitung geahnt: „Wenn der Bundestrainer einen Allgäuer als Schlussläufer aufstellt, dann könnte es klappen“, hatte der heute 53-jährige Stützpunkttrainer prophezeit und daran erinnert, dass er selbst damals als letzter Läufer losgeschickt wurde. Die Rechnung ging prompt auf. Nach dem Springen hatten die Deutschen einen knappen Vorsprung auf die zweitplatzierten Japaner, die im Langlauf aber ohnehin niemand auf der Rechnung hatte. Stattdessen wurde mit den Dauerrivalen Frankreich und – natürlich – vor allem Norwegen gerechnet. Beim Langlauf über 4×5 Kilometer sah es nach den Einsätzen von Edelmann und Frenzel zunächst nach einer klaren Entscheidung aus. Rießle startete als dritter Läufer mit 20 Sekunden Vorsprung. Doch der Schwarzwälder bekam ob der historischen Chance offenbar das Nervenflattern. Norwegen holte immer weiter auf. Der Vorsprung schmolz auf sechs Sekunden, ehe Schlussläufer Rydzek das Finale furioso einläutete – und Meter um Meter gut machte. „Zwischenzeitlich habe ich schon gezittert. Aber als Johannes loslegte, war mir klar: Wir holen das“, sagte Frenzel. Zwar hatten die Deutschen im Trainingslager eigens noch den Ellenbogen-Einsatz für den Fall einer knappen Entscheidung im Schlussprint trainiert. Doch dieser wurde an ihrem persönlichen Traumtag gar nicht erst benötigt. Rydzek zog mit knallharten Schüben ein einsames Rennen durch, ehe er zu den Klängen von „We are the champions“ vom DSV-Tross im Ziel erwartet wurde. „Wir haben einfach einen super Teamgeist. Das hat uns heute so stark gemacht“, sagte Rießle. Zudem trug das „bombastische Material“ (Frenzel) zum Erfolg bei.

Einzig ein paar mehr Zuschauer hätten sich die Kombinierer gewünscht. Kurz nach den in Schweden so populären Langlauf-Wettkämpfen verschwanden tausende Besucher sofort wieder in Richtung Stadionausgang und zeigten den Kombinierern die kalte Schulter. „Langlauf ist hier eben das Nonplusultra. Wir sind leider nicht so beliebt“, nahm es Rießle sportlich. Bei der Siegerehrung am Abend füllte indes wieder eine große Masse den Marktplatz in Falun. DOSB Präsident Alfons Hörmann hängt ein seiner Funktion als FIS-Vorstandsmitglied dem DSV-Quartett die Medaillen um den Hals. „Ich wollte am Abend eigentlich schon zum Flughafen fahren. Aber das kommt nicht infrage. Was diese Mannschaft geleistet hat, ist einfach überragend“, sagte er.

Text: Tobias Schuhwerk, Allgäuer Anzeigeblatt, 23.02.2015

Johannes Rydzek wird Weltmeister im Einzel und Team
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