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Finger weg von Müsli und Fleisch

Ulrich Conrady, der die österreichischen Skispringer betreut, gibt in Oberstdorf Tipps für eine gesunde Ernährung und referiert über „Audiovisuelle Wahrnehmungsförderung“

Ulrich Conrady gibt zu, dass er gerne provoziert. In der Physiotherapie-Praxis von Martin Müller in Oberstdorf brachte der Neuro-Coach, der 2007 half, die deutsche Handballnationalmannschaft zum Weltmeistertitel zu führen,international erfolgreichen Sportlern des SC Oberstdorf und Nachwuchstalenten in einem mehrtägigen Seminar seine Methoden näher. Dabei erläuterte er nicht nur die Methode der Schallmodulierung, die unter anderem die österreichischen Skispringer schon zu Topleistungen gebracht haben soll. Er gab unter anderem auch Ernährungstipps, Erläuterungen zu Farbfilterbrillen
und individuelle Vorschläge zur Regeneration nach anstrengenden Wettkämpfen.

Eine Mischung aus Neugier und Skepsis Nicht belehren, sondern den Probanden „fünfmal mehr Wissen im Bereich des Hochleistungssports“ vermitteln ist Conradys Anliegen. Die Dinge zusammenbringen und individuell umsetzen, sei Sache der Athleten. „Aber wenn ihr das verwendet, was für euch am besten ist, seid ihr vorn dabei“, versprach er. Skispringer Karl Geiger, Langläuferin Lucia Anger und Snowboarder David Speiser sowie Nachwuchssportler Leonhard Blackall, Pius Rapp und Linus Niederacher hörten den Thesen Conradys mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis zu.

Allzu vieles war darunter, was so gar nicht zu den bisherigen Gewohnheiten der Athleten passte. So schmunzelte Lucia Anger, als Conrady riet, beim Trainingsaufwand viel mehr auf den eigenen Körper statt nur auf den Trainer zu hören.
„Wenn dir danach ist, lieber im Bett zu bleiben als zu rennen, dann tu das“, höre sich zwar verlockend an, werde aber bei den Trainern nicht gut ankommen, meinte die SCO-Langläuferin.

„Körnerfresserei ist was für Hühner und Mais für Schweine“, stellte Conrady klar, dass es barer Unsinn sei, wenn die Leute sich durch Müsliberge futterten. Ganze Körner setzten Ammoniak frei und machten müde, riet der Neuro-Coach, darum auch beim Brot nur zu geschrotetem Vollkorn greifen, lautete seine Empfehlung. Der beliebte Spruch manchen Sportlers, am Schluss hätten die Körner gefehlt, sei darum völliger Quatsch. Der Becher Kaffee vor dem Wettkampf mache nicht wach, sondern nur nervös, und beim Fleisch solle man die Finger weglassen „von allem, was Flügel hat“. Es gebe kein Fleisch, das mehr Säure enthalte als das von Huhn und Pute aus der Mast.

Springer Karl Geiger musste erstaunt hören, dass die österreichischen Kollegen offenbar herzhaft zugreifen beim Essen, dass sieben, acht oder zehn Tafeln Schokolade an Wettkampftagen kombiniert mit Bananen Glückshormone freisetzen und beste Wirkung auf sportliche Erfolge hätten. Auch Pommes, für den Oberstdorfer zumindest in der Wintersaison tabu, stünden bei den Austria-Adlern auf dem Speiseplan. Kartoffeln in jeder Form, Steckrüben und Möhren, in dieser Reihenfolge sieht Conrady die Liste der gesunden Gemüse. Allerdings komme es auf die Feinheiten an. So müsse die Schokolade einen 70-prozentigen Kakaoanteil haben und die Pommes dürfen nicht in der Fritteuse zubereitet werden. Scharfe Würze wie Chili helfe, das Gewicht zu halten, weil es den Stoffwechsel anrege und zusätzlich die Durchblutung der Schleimhäute fördere.

Ein Vormittag, prall gefüllt von Informationen über Ernährung, über Neuro-Training, über Hormonsteuerung und sinnvolle Regeneration wurde verfeinert durch praktische Übungen, Tests und weitere Botschaften aus dem Bereich der Audiovisuellen Wahrnehmungsförderung (AVWF), die der gelernte Elektrotechniker erfunden hat. Er moduliert Musik am Computer und bearbeitet spezielle Frequenzen nach. Im Angebot sind neben Mozart auch die Rockgruppe AC/DC. Für das Ohr ist die „Komposition“ kaum vom Original zu unterscheiden. „Nicht jede Musik passt. Durch seine Methode werden Sympathikus, der für die Leistungssteigerung, und Parasympathicus, der als Ruhenerv bezeichnet wird, ins Gleichgewicht gebracht. Die Sportler sollen sich dadurch besser konzentrieren, schlafen und Stress abbauen können. Dazu braucht es mindestens zehn Anfangseinheiten über je eine Stunde und immer wieder Auffrischungen. Conrady macht dagegen nichts im Bereich des Mentaltrainings. „Das funktioniert nicht“, ist er überzeugt.

Text/Bild: Elke Wiartalla

Ulrich Conrady
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