Stadion Auftaktspringen Vierschanzentournee

Einfach abgefahren

In der Königsdisziplin des alpinen Skisports hat bisher nur ein Deutscher den Thron erreicht: der Oberstdorfer Hansjörg Tauscher. Wenn er erzählt, wie er 1989 die Goldmedaille holte, bricht Leidenschaft durch. Heute ist er nur noch Fernsehzuschauer. Aber was für einer

Es gibt tausende Geschichten über das Ende jener sensationellen Abfahrt in Vail. Aber es gibt nur eine über ihren Anfang. Sie beginnt am 6. Februar 1989 in der kleinsten und verschworensten Schicksalsgemeinschaft der Welt: in einem Hotelzimmer.
Die zwei Allgäuer Männer, die es bewohnen, sind beide 21 Jahre alt – und sie haben sich notgedrungen schon öfter ein großes Bett geteilt, als das Gleichaltrige sonst mit ihren Freundinnen tun – bei Lehrgängen, bei Jugend-Rennen oder eben jetzt bei ihrer ersten Teilnahme an einer Ski-Weltmeisterschaft. Der eine ist an diesem eiskalten Morgen im US- Bundesstaat Colorado, fernab der Heimat, ziemlich zerknirscht. Er heißt Berni Huber und ärgert sich darüber, nicht ins Geschehen auf der knüppelharten Piste eingreifen zu dürfen. Vielleicht ahnt er sogar, dass ihm der Sprung in die Geschichtsbücher verwehrt bleiben wird. Für das Abfahrtsrennen, die Königsdisziplin im alpinen Skisport, haben ihn die Trainer nach einem zehnten Platz in der Kombination drei Tage zuvor nicht aufgestellt.
Die Hoffnungen ruhen jetzt auf seinem Zimmerkollegen: Hansjörg Tauscher, Junioren-Vizeweltmeister von 1985, kommt soeben vom Frühstück angeschlappt und Berni Huber kann sich trotz seines persönlichen Frusts ein Schmunzeln nicht verkneifen. Kopfschüttelnd beobachtet er, wie dieses Kraftpaket in den folgenden Minuten weiter an Masse zulegt. Auf die obligatorische lange, hellblaue Unterhose stülpt Tauscher weitere drei Klamotten- schichten, um sich für die Schlacht da draußen, bei Temperaturen von minus 28 Grad, zu rüsten.
Und dann steht er da im Türrah- men: Ein Allgäuer Felsbrocken mit der Strahlkraft eines Juwels, der sei- nen Marktwert womöglich noch nicht begriffen hat. „Ey“, ruft ihm Huber sicherheitshalber zum Ab- schied zu, „du weisch scho, dass du heut’ Weltmeischder werden kannsch?!“ Hansjörg Tauscher dreht sich noch einmal kurz um, und sagt nur ein einziges Wort: „Ja.“
Dann verschwindet er nach draußen, um als erster und bislang einziger Deutscher in der 84-jährigen Geschichte von alpinen Ski-Weltmeisterschaften Gold in der Abfahrt zu gewinnen. Vor den Augen seines Freundes Berni Huber, der immer an ihn glaubte: „Es war damals nur eine Frage der Zeit, dass Hansjörg ein Rennen gewinnt. Und dann hat er es eben bei der Weltmeisterschaft getan“, sagt Huber heute.
Wenn an diesem Wochenende, 26 Jahre nach Tauschers Husarenstück, die Ski-Welt erneut ihren König in Vail im US-Bundesstaat Colorado krönt, deutet nichts darauf hin, dass ein Deutscher auch nur annähernd den Thron erreicht. Stattdessen steht einmal mehr der All- gäuer im Blickpunkt. Aus aller Welt erreichen den heute 47-Jährigen Interviewfragen zu seinem, wie er selbst sagt, „lebensprägenden Moment“. Viele davon blockt er ab – und zwar im tiefsten Oberstdorfer Muhhakel-Dialekt, der selbst waschechten Allgäuern diverse Rät- sel aufgibt.
Das weiß Tauscher natürlich, und es bereitet ihm eine diebische Freude, etwaige Anrufer zu verstören. Doch wenn man erst einmal eine Audienz beim ehemaligen König der Skifahrer erhalten hat, schaltet er auf Kumpeltyp um – und offeriert sogar szenetypische Getränke: „Mogsch a Skiwasser?“, fragt er gleich zu Beginn des Interviews und reicht ein großes Glas Wasser mit Sirup. Wir sind ja schließlich nicht in einer Kneipe. Hansjörg Tauscher, ein Idol nicht nur im 51 000 Mitglieder fassenden Allgäuer Skiverband mit 250 Vereinen, empfängt den Besucher an seinem Arbeitsplatz: im Dienstraum der Polizeiinspektion Oberstdorf, die der prominente Polizeihauptmeister im Vorjahr mit seinen Kollegen neu bezogen hat.
Draußen: ein strahlender Allgäuer Wintertag. Drinnen: nüchternes Beamtentum. Die Jalousien hängen auf halbmast. Hansjörg Tauscher in seiner grün-beigen Uniform läuft dennoch zur Hochform auf. „Aus mir sprudelt’s. Ich bin ein leidenschaftlicher Mensch“, sagt er grinsend. Ist ja schließlich Mittagspause. Und die Kollegen sollen auch nicht darben, wenn es ein paar Minuten länger dauert: „Dann gibt’s Leberkässemmel für alle.“
Die aktuell dringlichsten Probleme wären somit geklärt – und es bleibt Zeit für die wichtigste aller Skifahrer-Fragen: Wie war das damals in der legendären rattle snake alley? Jener künstlich geschaffenen Klapperschlangengasse, diesem Prunkstück der Abfahrt von Vail, einer Doppel-S-Kurve, mehr Bobbahn als Skipiste.
Tauscher lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück und macht eine längere Pause. Dann, plötzlich, sind die Ereignisse vor 26 Jahren so präsent wie die Lawinensprengung im Still- achtal, zu der er an diesem Vormittag mit seinen Kollegen ausrückte: „Die Alley ist artverwandt zum Motorsport“, sagt er dann. „Du fährst von der einen Steilwand runter und die nächste wieder hoch – und das Ganze bei 120 Kilometern pro Stunde.“
Auf dieses Teilstück, das seine Karriere in Lichtgeschwindigkeit beschleunigen sollte, hatte er sich 1989 gut vorbereitet. Mit Videoanalyse im Übertragungswagen eines Fernsehsenders. Vielleicht der entscheidende Kniff. Jedenfalls: Bei der Zwischenzeit nach einer Minute des Rennens war Tauscher nur Sechzehnter. Doch er kämpfte sich sicher heran, aggressiv und technisch versiert – wie ein Vorbote des heute gängigen Carving-Stils. „Ich war kurventechnisch sehr stark“, sagt Tauscher.
Ab der zweiten Rennhälfte profitierte er neben seinem fahrerischen Können von jenen spezifischen Kräften, die einem in die Wiege gelegt sind, wenn man in Oberstdorfer Höhenlage zwischen Fellhornbahn und Skiflugschanze aufwächst. „Er hatte eine Naturgewalt, die am Schluss den entscheidenden Unterschied ausmachte“, sagt Berni Hu- ber und meint damit jene Robustheit, nach denen sich Großstädter ihr Leben lang sehnen.
Tauschers Karriere wäre drei Jahre vor Vail beinahe zu Ende gewesen, als er sich bei einem Trainingssturz in Sölden vier Wirbel brach. Die für Abfahrer tiefe Eiformhocke konnte er seither nie mehr einnehmen. Ungebrochen blieb sein Wille. Getreu dem Motto: A bissl was geht allerweil. Nicht nur in Vail. Allervail!
Zu Tauschers Trainingseinheiten gehört bis heute das Pilzesuchen: „Da springst du ständig umeinand’, ohne dass dir die Höhenmeter auffallen“, sagt er schmunzelnd. In Sachen Ernährung war er zu seiner Glanzzeit ohnehin ein Phänomen. „Während andere wie Wörndl streng nach Diät leben, isst er ständig seine Schokoriegel“, brachte der damalige Abfahrtstrainer Martin Osswald im Gespräch mit unserer Zeitung die Unterschiede zum Sla- lom-Weltmeister von 1987, Frank Wörndl aus Sonthofen, auf den Punkt. Die damaligen Teamkollegen empfingen ihren Weltmeister folgerichtig augenzwinkernd mit einem Plakat. Darauf stand: „Dr. Haas ist out. Snickers ist in.“ Eine Grußbotschaft, die sich nur Einge- weihten erschloss: Nach den Ernährungstipps des damals gehypten US- Arztes Haas gestalteten viele Athleten ihren Speiseplan.
Das Faszinierende an Hansjörg Tauscher speist sich, um im Wortbild zu bleiben, genau daraus: dass da ein Allgäuer Sturkopf mit Herz über Strategen mit Kalkül siegte. Etwa über den hoch gehandelten Schweizer Pirmin Zurbriggen, der nach einem Trainingssturz nur 15. wurde. „An diesem Tag hat einfach alles gepasst“, sagt Tauscher und ergänzt: „Weltmeister wird man. Du brauchst nur fahren.“
Nach dem Ende seiner Karriere verlief für den kantigen Allgäuer freilich nicht alles so glatt wie bei anderen Ski-Ikonen. „Ich bin nicht der Sonnyboy und ich hab mich nie prostituiert“, sagt Tauscher, der dem „System Weltcup“ durchaus kritisch gegenübersteht.
Geblieben ist ihm von damals neben der Leidenschaft fürs Skifahren eine weitere: die für Schokolade. Aber ich arbeite daran“, sagt der zweifache Vater grinsend, ehe er de- monstrativ eine Mandarine schält.
Noch heute passiert es, dass er auf Polizei-Einsätzen erkannt wird. Das freut ihn, aber er kennt die Grenze: „Ich weiß genau, wenn einer falsch spielt.“
Mit professioneller Distanz begegnet er auch der Misere der deutschen Abfahrer, die denen der Nachbarländer erschreckend hinterherhinken: Die Österreicher stellen in dieser Disziplin seit 1989 vier Weltmeister, die Schweizer immerhin drei. Doch dazu will sich Tauscher lieber nicht äußern, wohl aber zu den verletzt daheim gebliebenen Allgäuer Geschwistern Gina und Tobi Stechert: „Ich hätte mich sehr gefreut, wenn sie dabei gewesen wären. Das kann einem einfach nur leidtun.“
Das Männer-Rennen wird Tauscher auf jeden Fall am Fernseher verfolgen. Vielleicht mit seinem Vater Hans, 76, vielleicht mit alten Kumpels wie Berni Huber oder eben allein. Fest steht nur, was im Falle eines unerwarteten deutschen Erfolges passiert: „Dann“, sagt Tauscher im Raketentempo wie damals in der Klapperschlangenallee, „fliege ich auf der Stelle hin.“
Er würde nicht zu den ersten Gratulanten gehören, das weiß er. Aber Schnellster im Ziel, das war Hansjörg Tauscher ja schon einmal, damals 1989 in Vail.

Text: Tobias Schuhwerk, Allgäuer Anzeigeblatt, 07.02.2015

Hansjörg Tauscher
Hansjörg Tauscher
Hansjörg Tauscher
Hansjörg Tauscher