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Die Frage nach dem „Warum“ stellt sich nicht mehr

Kevin Burba aus Oberstdorf ist geistig behindert. Der 18-jährige Ausdauersportler möchte bei den Special Olympic Weltspielen 2017 in Österreich dabei sein

Alles muss seine Ordnung haben. Wenn es um die vielen Medaillen geht, die Kevin Burba in den vergangenen Jahren heim nach Oberstdorf gebracht hat, ganz besonders. Gern nimmt er sie von der Wand, um sie stolz zu zeigen, aber anschließend wird alles fein säuberlich zurücksortiert, nach Jahr, Ort und Disziplin. 17 Stück in Gold, Silber oder Bronze wiegt er in der Hand. Auszeichnungen im Alpinskifahren sind dabei. Die meisten Platzierungen hat der geistig behinderte Sportler bei den Special Olympics im Langlauf errungen. Da ist Kevin Burba einer der Besten in Deutschland. Im 7,5-Kilometer-Lauf sogar der Schnellste. Er nahm im vergangenen Winter seinem Verfolger bei den nationalen Wettkämpfen in Garmisch-Partenkirchen acht Minuten ab.

Allen davongelaufen

Wenn er davon erzählt, blitzt die Begeisterung in seinen Augen auf. Ganz toll sei das Gefühl damals gewesen, allen auf und davon gelaufen zu sein. „Die anderen habe ich einfach stehen gelassen“, sagt er grinsend. Für Vater Joachim Burba hatten die Wettkämpfe in Garmisch allerdings einen bitteren Nachgeschmack. Kevin war überragend gut. Die Winter-Weltspiele in Südkorea standen anschließend im Terminkalender der geistig behinderten Sportler. „Leider hat man Kevin nicht mehr berücksichtigt“, bedauert der Oberstdorfer die mangelnde Flexibilität im Verband, die seinem Sohn die Chance auf ein unvergessliches Erlebnis nahm. Dann soll es eben beim nächsten Mal klappen. Die Weltspiele 2017 hat der 18-Jährige fest im Visier. Sie finden in Österreich statt. In Schladming will Kevin zeigen, was in ihm steckt.

Mit 15 Leidenschaft entdeckt

Zum Sport ist er gekommen über seine Betreuer in der Tom-Mutters-Schule in Kempten. Die Einrichtung der „Lebenshilfe“ hat eine Sportfördergruppe. Kevin, der mit zwölf Jahren von der damals schon integrativen Grundschule in Rettenberg nach Kempten gewechselt war, fühlte sich dort gleich sehr wohl. Mit 15 Jahren entdeckte er im Langlauf seine wahre sportliche Leidenschaft. Vorher hatte er bei den Alpinen „geschnuppert“ und den Curlingsport als gute Familientradition für sich abgehakt. „Curling mag ich nicht, und Skifahren um die Stangen ist auch nicht mein Ding“, erzählt er. Langlaufen dagegen hat es ihm angetan, denn: „Da musst du eine gute Kondition haben“, meint Kevin. Und die hat er. Im Sommer geht er mit dem Vater auf ausgedehnte Radtouren, die Berge erklimmt er mit der Familie, man sieht ihm beim Wasserskifahren auf dem Inselsee bei Immenstadt, und am Mountainbike-Marathon in Oberstdorf hat er schon zum zweiten Mal teilgenommen. Ein Highlight in diesem Jahr, bei dem er sich recht schinden musste, um am Ende seinem Vater glücklich mitzuteilen: „Papa, schön war das.“

Unvergessen auch die Einladung zum Nürburgring, wo Kevin mit Rennfahrer Tim Scheerbarth (Deutscher Langstreckenmeister 2011) im Porsche GT 3 schnelle Runden
drehen durfte. Begeistert schildert Kevin seine Erlebnisse und zeigt die tollen Fotos, die er vom Nürburgring mit nach Hause gebracht hat. Rennfahrer werden, das wäre auch
etwas für ihn. „Aber da fehlt noch der Führerschein“, sagt er. Seit einem Jahr lernt er dafür fleißig. „Rückwärts einparken geht noch nicht“, gibt er selbstkritisch zu. Ansonsten fällt ihm das Fahren leicht, viel leichter als die Theorie. „Kevin ist halt in allem ein bisschen langsamer“, sagt Mutter Petra. „Entwicklungsverzögerung“ würde der Mediziner sein Handicap nennen. Eine fundierte Diagnose gab es nie. Manchmal haderten Kevins Eltern mit dem Schicksal. Vor allem die Mutter machte sich immer wieder Vorwürfe, etwas übersehen oder versagt zu haben. „Mag sein, dass die schwere Lungenentzündung im Säuglingsalter die Ursache ist, oder die Operation mit zwei Jahren, ein eigentlich kleiner Eingriff, der eine sich abzeichnende schwere Blutvergiftung vermeiden sollte“, sagt Petra Burba.

Angst vor der Farbe Weiß

Die Eltern stehen immer noch vor einem Rätsel. Warum der Anästhesist damals die Betäubung ins Rückenmark einleitete, verstehen sie bis heute nicht. Kevin jedenfalls
nahm nach dem Krankenhausaufenthalt vor allem, was die Farbe Weiß hatte, schreiend Reißaus, ertrug keine Menschenansammlungen mehr, fürchtete sich massiv vor Lärm jeder Art und zog sich stark zurück. Es gelang den Eltern mit unendlicher Geduld, den Sohn Jahr um Jahr, Stück für Stück von seiner Angst zu befreien. Dann erkrankte er noch an Meningitis. Ihm wurde erneut eine dicke Nadel ins Rückenmark gesetzt, um herauszufinden, ob es sich um eine bakterielle oder virale Hirnhautentzündung handelte. Die Eltern befürchteten einen Rückfall in das bereits durchlebte Trauma. Im Kindergarten sagte man den Eltern dann, dass mit ihrem Jungen etwas nicht stimme und er in einer Sondereinrichtung besser aufgehoben sei. Das war dann der Kindergarten in Bühl, auf den die Grundschule Rettenberg als Zweigstelle der Tom-Mutters-Schule folgte und schließlich die Einrichtung der Lebenshilfe in Kempten. Das Hadern mit dem Schicksal ist für die Burbas inzwischen passé. Die Frage nach dem „Warum“ stellt sich nicht mehr. Den Trost der Freunde, dass es irgendwann „klick“ macht und sich für Kevin die Blockaden lösen, brauchen sie heute nicht mehr. „Unser Sohn ist ein Geschenk und genau richtig, so wie er ist“, versichert die Mama liebevoll. Kevin hat große Fortschritte gemacht, dafür bedanken sich die Eltern vor allem bei dem Schulteam um Nico Prestel, Susanne Jortzig, Reinhold Jurtz und Sibylle Stöckle.

Ausbildungsplatz gesucht

Aber der junge Mann ist noch lange nicht am Ende angelangt. Nach zwölf Jahren wird er die Schule demnächst verlassen. Er sucht nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz.
Schreiner würde er gern werden. Kevin hat sich in einem Praktikum über den Beruf informiert. „Aber er bräuchte halt jemanden, der sich Zeit für ihn nehmen kann. Das ist schwierig im Tagesgeschäft eines Handwerksbetriebes“, schildert Petra Burba die Probleme bei der Suche nach einer Lehrstelle. Derweil zeichnet sich eine weitere
Veränderung ab. Nachdem es Abschied nehmen heißt von der Schule und Kevin schon jetzt nur noch zweimal in der Woche in der Tagesstätte ist, sucht er nach anderen
Trainingsmöglichkeiten. Darum soll der Skiclub Oberstdorf seine neue Heimat werden.

Neue Perspektiven beim SCO

Dessen Sportdirektor Roland Frey hat bereits Kontakt zu Kevins Betreuern aufgenommen. Demnächst wird es ein Schnuppertraining und die Entscheidung darüber geben, in welcher der Langlauf-Gruppen Kevin leistungsmäßig mithalten kann. Der 18-Jährige freut sich auf die neue Perspektive vor der Haustür. „Ich will ja meine Skating-Technik verbessern und schauen, wo ich im Vergleich zu den anderen stehe“, meint er. Roland Frey ist gespannt auf den Neuzuwachs. Die Behinderung ist seiner Ansicht nach absolut kein Hindernis fürs gemeinsame Training. Im Gegenteil. Ein Verein von der Größe des SCO sollte sich der sozialen Verantwortung der Inklusion stellen, meint der Sportdirektor. Beide Seiten könnten nur gewinnen. Das Miteinander helfe den Menschen ohne Handicap sogar oft mehr als den Behinderten, weiß Frey aus seiner Zeit als Nationaltrainer der Alpinen, wo es schon lange vor der Inklusionsdebatte gemeinsame Materialtests mit dem Team der behinderten Skifahrer gab. „Wenn Kevin bei den Special-Olympics für den SCO startet, ist das auch für uns eine ganz tolle Sache“ sagt Roland Frey.

Text und Bild: Allgäuer Zeitung

Kevin Burba
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