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Der Durchbeißer

Kombinierer Johannes Rydzek zeigt zum Saisonbeginn ampfeswillen. Den hat er sich im Sommer bei teilweise atemberaubenden Läufen in den Bergen antrainiert

Gut möglich, dass Johannes Rydzek, wenn er einmal auf seine sportliche Laufbahn zurückblickt, den bittersten Moment seiner Karriere auch gleichzeitig als den wichtigsten bezeichnen wird.
Rückblende: 18. Februar 2014, oberhalb von Krasnaja Poljana in den kaukasischen Bergen. Die Spitze der Nordischen Kombinierer biegt im olympischen Einzelrennen zum Zielsprint ins Russki-Gorki-Skisprungstadion ein. Der Norweger Jürgen Graabak führt, dahinter drei Deutsche, Johannes Rydzek in der vielleicht aussichtsreichsten Position. In der vorletzten Kehre kommt es zur folgenschweren Kollision: Als Rydzek auf die „Überholspur“ will, säbelt ihn ausgerechnet DSV-Teamkollege Fabian Rießle aus dem Schwarzwald um. Die Norweger holen Gold und Silber, Rießle Bronze. Rydzek liegt im Schnee, ihm bleiben als Achtem nur Tränen und Mitleid.
Rydzeks Missmut verwandelt sich aber schnell in Motivation. Als die Topstars in das nacholympische Loch fallen, stürmt der 22-jährige Oberstdorfer die Siegerpodeste. Mit drei Weltcup-Siegen in Folge katapultiert er sich noch auf den zweiten Platz im Gesamtweltcup, macht kurz Pause, gewinnt im Sommer alle vier Grand-Prix-Wettbewerbe souverän, macht wieder kurz Pause und lässt nun zum Saisonauftakt im finnischen Kuusamo die internationale Konkurrenz wieder alt aussehen. Im Einzelrennen musste sich Rydzek einmal mehr durchbeißen, um nach einem packenden Finale den Österreicher Bernhard Gruber zu besiegen. „Es war ein hartes Stück Arbeit, ich bin überglücklich“, waren seine ersten Worte im Ziel. Zurück in Oberstdorf ist von den Emotionen nicht mehr viel übrig: „Es war wichtig fürs Selbstvertrauen, dass es gleich mit einem Sieg losgeht. Aber ich muss weiter hart arbeiten.“ Im Gespräch mit unserer Zeitung wird eines deutlich: Sein insgesamt fünfter Weltcup-Sieg war zwar ein besonderer Moment, aber keine große Sache. Denn schon beim Team-Wettbewerb am Sonntag hatte er leidvoll erfahren, wie schnell man auf dem Boden der Tatsachen landet. Ein völlig verhagelter Sprung raubte ihm und Fabian Rießle jegliche Siegchance – am Ende wurden sie dank Rydzeks Aufholjagd im Langlauf noch passable Vierte. „Diese Probleme beim Springen hatte ich fast den ganzen Herbst hindurch“, blickt Rydzek zurück. Doch die Kleinigkeiten beim und nach dem Absprung („da hakt’s bei der Kraftübertragung und an der Höhe“) grämen ihn nicht sonderlich – zumal er die Gewissheit hat, dass er in der Loipe das ausbügeln kann, was er an der Schanze verbockt hat. Die Grundlagen für seine Schnellkraft und Spritzigkeit holte er sich schon im Sommer bei zahlreichen Querfeldeinläufen und Gipfeljagden mit seinen Freunden Michael Schnetzer und Tobias Böck in seinen geliebten Oberstdorfer Bergen.

Bundestrainer Weinbuch: „Erfolgsserie ist Wahnsinn“

Rydzeks Kampfgeist begeistert auch den Bundestrainer: „Seine Erfolgsserie ist Wahnsinn“, sagte Hermann Weinbuch. Und selbst Rydzek fragte – reichlich zerzaust und im Trikot des Weltcup-Führenden posierend – seine Fans auf Facebook: „Unglaublich, ich in Gelb?! Steht mir das überhaupt?“ Die mehrheitliche Antwort lautete „Ja“ – und so fliegt Rydzek schon morgen mit noch mehr Selbstvertrauen, aber auch mit einem größeren Erfolgsdruck im Gepäck zur zweiten Weltcupstation nach Lillehammer. „Ich muss locker bleiben“, weiß Rydzek. Und sollte das nicht helfen, kann er sich ja immer noch durchbeißen ...

Text: Thomas Weiß / Mit freundlicher Genehmigung des Allgäuer Zeitungsverlages

Johannes Rydzek in Gelb
Johannes Rydzek in Gelb